von Vergangenen Zeiten

Feierabend.
Er hat gegessen und fühlt sich Satt, aber nicht wohl.
Wieder fühlt er sich Leer. Er muss zu ihr. Schon wieder. Mit jemandem Reden, der ihn versteht, vielleicht nachvollziehen kann, was er fühlt und warum er so empfindet.
Obwohl sie das bestimmt nicht kann. Aber sie gibt ihm wenigstens das Gefühl, das es so ist.

Corridor by Ash4267@DeviantArt.com

Bedächtig geht der den leeren Flur entlang, denkt nach über das Gespräch das er gleich wohl führen wird, legt sich zurecht wie er was sagen wird, stellt sich vor wie sie wohl Antwortet.
Da steht er schon vor ihrer Tür.
Zaghaft Klopft er an. Lauscht. Kein Laut hinter der Tür.

Langsam öffnet sie, sieht ihn überrascht an und bittet ihn, einzutreten.

Room by Itsuki_Arashi@DeviantArt.com

Schweigen tritt er in den Raum und lehnt sich an die hintere Wand, den Blick zu Boden gerichtet.
Langsam kommt sie ihm näher, legt den Kopf leicht schräg, «Was ist los? Du siehst wirklich geschafft aus.» fragt sie ihn.
«Heut ist mal wieder etwas passiert. Wir standen in einer Reihe, zum Essen, und vor und hinter mir…die Menschen…sie standen mir so Nah. So nah, das ich mich wieder unwohl gefühlt hab, und alles hochkam…»

Er blickt sie an und doch an ihr vorbei. Sein Blick entrückt. Seine Erinnerungen gleiten in frühere Zeiten.
Seine Geschichte. Er spürt, wie seine Vergangenheit sich in Bildern, verwischt und unklar sich nach oben kämpft.
Er erinnert sich, wie er die hölzerne Wendeltreppe hinuntersteigt. Er ist klein, vielleicht 5, 6 Jahre alt. Er sieht diesen kleinen Jungen vor das Bett gehen und stehenbleiben.
Hört die Tonlose unbekannte Stimme, die ihm bedeutet sich ins Bett zu legen. Szenewechsel.
Er liegt im Bett, auf der Seite. Betrachtet, jedes Bild ist Unklar, als wäre es nur ein Traum gewesen, den Plastikvorhang vor der Kochnische, als er überrascht bemerkt, wie sich die starke Hand des Mannes hinter ihm auf die Hüfte legt.

Er blinzelt. Er will nicht weiter sehen. Versucht die Erinnerung zu verdrängen. Aber da kommt noch mehr…

Da ist er wieder. Der kleine Junge. Er ist größer geworden. Älter. Klein und Zerbrechlich noch immer. Naiv.
Da ist sein großer Bruder. Abends, die Mutter ist aus, er sitzt auf dem Sessel und sieht Fern. Plötzlich bemerkt der kleine, wie der große beginnt sich anzufassen. Beschämt starrt er auf den Fernseher, versucht zu Ignorieren, die Bewegungen des Armes die er in den Augenwinkeln sieht.
Plötzlich herrscht ihn der große an, Papier zum Aufwischen holen zu gehen.
Noch immer eingeschüchtert läuft er ins Bad, holt das Toilettenpapier, ausweichen auf den Boden blickend, um nicht zu sehen, was er da getan hat. Er setzt sich wieder auf die Couch, versucht sich auf den Fernseher zu Konzentrieren.

«Was hältst’n davon, wenn wir’s ma probieren?» fragt der große. «Was?» will der kleine irritiert wissen.
«Na von hinten. Nur kurz. Bin auch Vorsichtig. Tut bestimmt nicht Weh.» sagt er eindringlich.
«Nein! Du weißt, was passiert ist. Ich will das nicht. Ich will nicht.»
«Ach, komm! Ich bin doch Vorsichtig! Tut schon nicht Weh.», hallt die Stimme des Bruders in seinem Kopf nach.

Er blinzelt. Er ist wieder im Raum, bei ihr. Er fühlt sich zerbrechlich, fast zerbrochen. Tief Atmet er ein, langsam aus und sieht ihr in die Augen.
Sie tritt zögerlich einen Schritt näher, und gibt ihm behutsam einen Kuss auf die Stirn.
«Versuch es zu Vergessen. Es ist Vergangenheit. Dir passiert nichts mehr, du bist jetzt Erwachsen. Niemand kann dir mehr etwas antun.», flüstert sie und umarmt ihn dabei sanft.

Beide geniessen die Umarmung und lösen sich dann sanft voneinander.
«Danke. Dafür, das du für mich da bist. Ab und an.», flüstert er ein wenig Hilflos.
«Keine Ursache. Ich helfe gern. Und es tut ja nicht Weh. Aber nun musst du leider wieder gehen. Ich hab noch Dinge zu erledigen. Wir sehen uns.»

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6 Antworten zu “von Vergangenen Zeiten

  1. Oha. Die Geschichte ist wirklich sehr gut geschrieben.
    Ein Problemthema, das leider viel zu oft einfach übersehen wird.
    Ich will gar nicht wissen wieviele Kinder in Deutschland täglich Missbraucht werden und keiner es merkt 😦
    Aber wirklich sehr gut geschrieben 😉

    • Danke für das Kompliment.
      Wesentlich schlimmer finde ich, wie ‚oft‘ an Missbrauchte Mädchen gedacht wird, aber nicht an die Jungen, denen so etwas passiert…

  2. Ist wirklich sehr gut geschrieben…
    Mir stehen die Tränen in den Augen…
    Kinder sollten diese Erfahrungen nicht machen müssen… Ich kann nicht nachvollziehen, wie man Kindern so was antun kann…

  3. Puh das ist harter Tobak, aber leider die Realität, was mich unendlich traurig werden lässt!! Deine Geschichte ist sehr traurig, aber gut geschrieben…
    LG
    Gianna

  4. Ein heikles Thema, beim lesen sucht man instinktiv nach Lösungen für die Probleme kleinen und fühlt sich hilflos weil dieser abartige Bruder stärker ist…
    keine Hilfe weit und breit…
    dieser Text berührt 😦

  5. Also ich finde diese KurzGeschichte liest sich sehr gut und flüssig.
    Fantastisch finde ich wie du die Erinnerungen beschreibst. Wenn man es ließt könnte man fast glauben man würde es selbst Denken.
    Du hast echt ein Talent dafür vernachlässigte Themen aufzuarbeiten.
    🙂

    Aber zu Inhalt. Wie schon einge vorher geschrieben haben, ist Kindesmisbrauch ein echt hartes Thema und ich wünsche keinen Kind so etwas erleben zu müssen.
    Ich hoffe das deine Geschichte manchen die Augen öffnet und den Leuten Zeigt, das Mädchen wie auch Jungs dieses Schicksal treffen kann und jedem dann geholfen werden sollte.

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